Michael Feitel ist homosexuell und gläubig. 27 Jahre lang war er verheiratet. Ein Leben im Sinne der katholischen Kirche: Hochzeit, Familie, zwei Töchter. Dann sein Coming-out. Plötzlich scheint die Institution Kirche nicht mehr so nah.

von Sabine Bernard

 

Herbstferien im Jahr 2003. Die Kinder sind aus dem Haus, als seine Frau Michael Feitel fragt, ob er schwul sei. Für einen kurzen Moment weiß er nicht, was er antworten soll. Sein Puls schlägt immer schneller. Dann gesteht er ihr seine Homosexualität. Erleichterung. Schon lange hatte er sein Geheimnis mit sich herumgetragen. Aber er muss auch noch seinem Pfarrer beichten.

Homosexuell und katholisch, das ist auch im Jahr 2017 noch ein Problem für die Kirche. Michael Feitel ist beides. Sein Bekenntnis zur katholischen Kirche steht in Konflikt mit seiner Sexualität. Aufgeben will er „seine“ Kirche aber nicht.

Michael Feitel (62) ist ehemaliger Bankkaufmann. Heute lebt der Frührentner in einer zwei Zimmer Wohnung in Berlin Wedding. Der Glaube an Gott und seine Zugehörigkeit zur katholische Kirche spielen für Feitel schon immer eine große Rolle. Er ist katholisch getauft und erzogen, war im Kirchenchor und im Pfarrgemeinderat. Als Kind ging es mit der Gemeinde oft auf Reisen. Wenn er an die Gemeindereise nach Oberfranken denkt, lächelt Feitel. „Die Floßfahrt auf der wilden Rodach. Das war schon ein tolles Erlebnis für uns alle.“ Gemeinde bedeutet für Feitel vor allem Gemeinschaft. Jeden Sonntag geht er mit seiner Frau und den zwei Kindern in die Kirche. Jeden Sonntag sitzt die Familie auf der gleichen Kirchenbank in St. Rita, einer Gemeinde in Reineckendorf. Links und rechts bekannte Gesichter. Wenn Feitel an die Kirchenmusik zurückdenkt, strahlt er. „Glaube, das ist für mich eine Lebensrichtschnur. Das sind bestimmte Werte, nach denen ich lebe und das tue ich gemeinsam mit vielen anderen Menschen“, sagt Feitel. Auch wenn ein Teil seiner Persönlichkeit, seine Sexualität, den Werten der Kirche nicht entspricht. „Ich habe immer danach gelebt, dass ich entscheide, was ich tue.“

Das Outing

Im Dezember 2013 – anderthalb Monate nach seinem Coming-out – verlässt Feitel seine Familie, das selbst gebaute Haus mit dem Garten, den er so sorgfältig pflegte. Auch die Gemeinde in St. Rita verlässt er, das hat er mit seiner Frau so abgemacht. Ein letztes Mal besucht er seinen Pfarrer im Pfarrbüro. Als er ihm seine Homosexualität gesteht, ist dieser überrascht. „Schade, dass du gehst“, sagt er.

In seiner neuen Single-Wohnung hat er viele Freiheiten, aber wenn er alleine ist, plagen ihn Schuldgefühle. Seine Ehe ist gescheitert. Er hat seiner Frau und sich selbst lange etwas vorgemacht. Auch in dieser Zeit hilft ihm sein Glaube. Er führt Gespräche mit einem katholischen Theologen. Dieser bestärkt ihn in seinem Tun, sagt ihm, dass er von Gott gewollt und seine Sexualität nicht entscheidend ist. Feitel besucht auch weiterhin Gottesdienste.  Aber er geht nicht mehr jeden Sonntag. Er erkennt immer weniger Gesichter rechts und links neben sich. Ihm fällt es schwer eine neue Gemeinde zu finden, in der er sich so integriert fühlt wie in St. Rita. Gruppen für Familien, Jugendliche und Senioren gibt es in vielen Gemeinden – für Schwule nicht.

Feitel wünscht sich mehr Anknüpfungspunkte für Homosexuelle in den Gemeinden. Aber die deutsche Bischofskonferenz (DBK) hat eine klare Haltung zum Thema Homosexualität. Die DBK verweist dazu auf den Katechismus aus dem Jahr 1992: „daß homosexuellen Handlungen in sich nicht in Ordnung sind. […] Sie sind in keinem Fall zu billigen.“ Wenn Feitel diese Worte hört, rollt er mit den Augen und schnaubt. „Sehr verletzend ist das.“ In solchen Momenten zweifelt Feitel an seiner Kirche. Einmal stand er kurz davor auszutreten. Als Papst Benedikt XVI im September 2011 eine Rede vor dem deutschen Bundestag hält. Zentrales Thema ist die klassische Naturrechtslehre. Eine Lehre, die praktizierte Homosexualität als unnatürlich ansieht. Als Feitel am Tag danach die Zeitung aufschlägt und die Berichte liest, ist er entsetzt. „In diesem Moment war ich am weitesten weg von der katholischen Kirche“. Zum ersten Mal hatte er das Gefühl nicht mehr dazu zu gehören.

Auch kleine Änderungen sind Erfolge

„Aber ändern kann man die Kirche nicht von außen. Und ich habe den Willen und die Kraft, etwas zu verändern“, sagt Feitel. Er engagiert sich im Verein Homosexuelle und Kirche (HuK). Von seiner Kirche würde er sich wünschen, dass Homosexuelle gleichberechtigt behandelt werden. Zum Beispiel soll die Segnung von gleichgeschlechtlichen Paaren nicht länger untersagt werden. Zusammen mit der HuK hat er erreicht, dass Workshops zum Thema „homosexuell und katholisch“ ihren Weg in das offizielle Programm der Kirchentage gefunden haben. Aber der Wunsch nach Segnungen gleichgeschlechtlicher Paare wird immer noch abgelehnt. „Veränderung geht nur in kleinen Schritten“, sagt Feitel.