Familie Kreß suchte lebendigen Katholizismus. Sie fand ihn in der Charismatischen Erneuerung „Chemin Neuf.“ Mit zwei ihrer vier Kinder zogen sie nach Berlin, um täglich charismatische Messen feiern zu können.

von Charlotte Pross

8.00 Uhr. Die katholische Kirche liegt noch im Dunkeln, nur im Altarraum brennt Licht. Margret und Bernhard Kreß ziehen ihre Albe über, ein weißes, bodenlanges Gewand. 7 Tage die Woche, 365 Tage im Jahr treffen sie ihre Glaubensgeschwister in der Gemeinschaft „Chemin Neuf“ zum Morgenlob.

Um mit „Chemin Neuf“ zu leben, kündigten Margret und Bernhard vor rund einem Jahr ihre Jobs und zogen aus der bayerischen Provinz nach Berlin. „Andere in der Gemeinde waren zufrieden damit, sonntags in die Kirche zu gehen und dann wieder nach Hause“, sagt Margret Kreß. „Wir haben aber gemerkt, dass wir einfach mehr brauchen.“

„Chemin Neuf“, auf deutsch „neuer Weg,“ gehört zur „Charismatischen Erneuerung“ der katholischen Kirche. Ähnlich wie in Pfingstkirchen ist bei dieser Strömung der Heilige Geist wichtig. An ihn richten die Charismatiker ihre frei formulierten Gebete. 2017 feiert die Charismatische Erneuerung ihr 50jähriges Jubiläum in Rom.

Für die Gemeinschaft nach Berlin zu ziehen, fiel Familie Kreß nicht leicht. Zwei ihrer vier Kinder konnten nicht mit ziehen. Die älteste Tochter stand kurz vor dem Abitur, der älteste Sohn hatte gerade eine Ausbildung begonnen. „Es war schon ein gewisser Schmerz da, dass wir jetzt nicht mehr als Familie zusammen sein können“, sagt Bernhard Kreß. „Aber wir leben jetzt ein anderes Familienleben, wir telefonieren viel und besuchen uns oft.“

Der Leitgedanke der Gemeinschaft „Chemin Neuf“ ist das aktive Hören auf Gottes Stimme. Dazu verbinden sie die traditionell katholische Liturgie mit freikirchlich-anmutenden emotionalen Elementen. Dazu gehört das freie Gebet, das Segnen und das Beten in „Zungen“, also das meditative Summen und Einstimmen auf den Heiligen Geist.

Die zölibatären Schwestern und Brüder der Gemeinschaft wohnen in Klöstern. Familien mit Kindern leben in ihren eigenen Wohnungen und kommen zu den gemeinsamen Gebetszeiten in die Kirche. Evangelische Christen gehören der Gemeinschaft ebenso an wie Katholiken. „Das Ringen um die Einheit der Christen ist ‚Chemin Neuf’ in die Gene geschrieben“, sagt Schwester Michaela Borrmann, Leiterin von „Chemin Neuf“ Deutschland. „Wir haben erlebt, dass es zwischen evangelisch und katholisch mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede gibt. Wenn wir uns auf Jesus zu bewegen, bewegen wir uns auch aufeinander zu.“ Sie selbst ist evangelisch, „Chemin Neuf“ katholisch. „Seit 500 Jahren sind unsere christlichen Kirchen getrennt, seit 50 Jahren leben wir in der Charismatischen Erneuerung die Versöhnung“, sagt sie.

Die konfessionsübergreifende charismatisch-pfingstlerische Strömung ist derzeit die am stärksten wachsende religiöse Bewegung weltweit. 596 Millionen Christen rund um den Globus waren 2016 charismatisch glaubend. 120 Millionen davon gehören der katholischen Kirche an, wie die Charismatische Erneuerung. Papst Franziskus nannte sie ein „Geschenk an uns alle, sie tut der Kirche sehr gut.“

In Deutschland sind charismatische katholische Kirchen immer noch etwas Besonderes. „Auch hier wird im katholischen Gottesdienst ab und zu getanzt oder in Zungen geredet. Aber ich vermute, dass das Charismatische hier keinen großen Durchbruch finden kann“, sagt Hans Joachim Ditz, der Ökumene-Beauftragte der Diözese. „Der deutsche Christ ist sehr nüchtern und aufgeklärt.“

Familie Kreß ist froh, den Schritt ins Unbekannte gewagt zu haben. „Das Leben mit den Geschwistern in der Gemeinschaft ist für mich eine wichtige Stütze“, sagt Margret Kreß. „Das gibt mir viel Freude und stärkt mich für den Alltag.“  Für ihren neuen Weg hat sie eine eigene Definition von „charismatisch“ gefunden. „Charismatisch heißt für mich, mutig zu sein und angstfrei auf Gott zu vertrauen“, sagt sie. Genau so, wie sie es beim Umzug mit ihrer Familie getan hat.