An Weihnachten ist die Kirche voll, sonst bleiben die Holzbänke aber oft leer. Statt sonntags zu beten, pilgern Tausende jedes Wochenende in die Fußball-Stadien. Nicht nur deshalb hat die Verehrung von Clubs oder Spielern religiöse Tendenzen.

von Verena Löffler

Es erinnert an Prozessionen: Tausende Fußball-Fans – geschmückt mit Schals, Kappen und Trikots – ziehen von der U-Bahn-Station zum Olympiastadion, ihrem Tempel. Wenn Hertha BSC zuhause spielt, dann ist Berlin blau-weiß. Der Ausgang des Spiels auf dem heiligen Rasen wird aber von professionellen Athleten und nicht vom viel zitierten Fußballgott entschieden. Für viele Fans ist der Sport trotzdem eine Art Ersatzreligion, denn er gibt ihrem Leben den viel gesuchten Sinn.

OMG-Memory: Finde die scheinbaren Pärchen

Religiöse Symbole und Rituale beim Fußball ähneln sich oft – zumindest auf den ersten Blick. Die Stola kennzeichnet den Geweihten wie der Schal den Anhänger des Lieblingsclubs. Dass ein Priester die Stola an beiden Enden zusammen knotet und wie ein Lasso über dem Kopf schwingt, während er predigt, ist dann aber doch schwer vorstellbar. Beim OMG-Memory müssen sechs scheinbare Pärchen gefunden werden.

Ein ungläubiger Fan

Nur einmal in seinem Leben hat Mike Uschmann, 42, zu Gott gebetet. Einmal und dann nie wieder. Stattdessen zieht Uschmann jedes Wochenende seine Jeansjacke mit den Aufnähern von Hertha BSC an, steigt in die S5 und macht sich auf den Weg zum Olympiastadion.

Interview: Erst beten, dann Fußball

Gregor Bellin, 57, ist Diakon, Seelsorger – und Fußball-Fan. Vor den Heimspielen von Hertha BSC hält er Andachten in der Kapelle im Olympiastadion. Im Gespräch über Fußballfans, Götzenbilder und das Grabfeld eines Bundesligavereins wird Bellin deutlich.

Herr Bellin, gibt es einen Fußballgott?

Nein! Herr Assauer hat als Manager des FC Schalke 04 einmal formuliert: „Der Fußballgott war gegen uns.“ Das geht definitiv zu weit. Natürlich gibt es Symbole, die für Fans etwas Besonderes sind, zum Beispiel die Fahne oder das Trikot. Da erreicht die Verehrung von Fans manchmal eine Ähnlichkeit mit der Verehrung von Reliquien. Aber das, was Christen mit einer Reliquie verbinden, ist sicherlich nicht eins zu eins auf den Fußball übertragbar. Der Sport hat keine religiöse Dimension.

Wie definieren Sie denn Religion?

Für mich steht Religion in Verbindung mit Weite, Toleranz und Sinnstiftung. Selbst wenn ich davon ausgehe, dass meine Religion die Richtige ist, begegne ich Anhängern anderer Religionen mit Achtung, Liebe und Toleranz. Religion hat einen transzendenten, also übernatürlichen Bezug und ein Volk, das daran glaubt.  Und Religion ist etwas, nach dem ich mein Leben ausrichte, das über den Tod hinausgeht. Was das betrifft, gibt es sicherlich Dinge, die beim Fußball an eine Ersatzreligion erinnern. Aber es gibt einen Unterschied zwischen Gott und Götzen.

Beim Fußball werden also Götzen verehrt?

Ja, und das ist nicht mehr gesund.

Das müssen Sie erklären.

Jeder Fußballer ist genauso Mensch wie du und ich. Ich habe auch noch keinen Fußballer erlebt, der von sich sagt: „Ich bin der Heilsbringer!“. Wenn an die Stelle Gottes Dinge treten, die rein weltlichen Ursprungs sind, dann wird es schräg und gefährlich aus meiner Sicht.

Wenn ein Fan einen Schal oder ein Trikot trägt, dann ist das ja nicht gefährlich.

Manche Sachen kann ich als liebenswürdige Skurrilität abtun, bei anderen habe ich Schwierigkeiten. Wenn ich sehe, dass dieser Verein aus Gelsenkirchen ein Grabfeld unterhält, auf dem man sich beerdigen lassen kann, weiß ich nicht, ob damit die richtige Botschaft ausgesendet wird. Da kann eine Denkweise gefördert werden, die dem Fußballverein den falschen Stellenwert gibt.

Wieso?

Damit könnte assoziiert werden, dass ich, wenn ich mich als Fan dieses Vereins dort begraben lasse, dem Paradies ein Stück näher bin.

Ersetzen die Leute verglichen mit früher den Glauben an Gott heute eher mit dem Glauben an weltliche Dinge?

Die Menschen haben eine Sehnsucht, ihr Leben mit Inhalten zu füllen, die sie für sinnvoll erachten und die ihnen im Alltag Halt geben. Der eine pflegt Rituale beim Fußball, der andere bei seiner Ernährung oder im Umgang mit seinem Auto. Das kann eine Art Ersatzreligion darstellen. Wobei sich dann die Frage stellt, ob da eine transzendente Dimension mit drin ist. Auf alle Fälle füllen diese Rituale auf der Emotionsebene etwas aus.

Darf man denn für einen Sieg beten?

Wir werden in der Kapelle nie dafür beten, dass Hertha gewinnt. Dafür sind für mich Gottesdienste definitiv nicht da. Den Gottesdienst feiern wir im Namen Jesu Christi. Das bedeutet auch, dass wir versuchen, uns zu verhalten, wie er es erwarten würde. Ich bin also Gott gegenüber verantwortlich für das, was ich tue. Als Fußballfan bin ich dem Verein gegenüber nicht verantwortlich. Im Grunde bin ich nicht mal dazu verpflichtet, zu jubeln.

Trotzdem halten Sie vor den Spielen Andachten im Stadion.

Ich weiß, dass das auch kritisch betrachtet wird. Manche sagen, die Kirchen hätten sich an den Fußball gehängt, um die Begeisterung mitzunehmen. Wir sind aber von Hertha BSC gefragt worden, ob wir Gottesdienste anbieten können. Mit der Stadionandacht konfrontieren wir Menschen mit der christlichen Botschaft in der Lebenssituation Fußball. Und vielleicht treten wir ja den ein oder anderen Gedankengang los. Meine Aufgabe als Geistlicher ist es, zu sagen: Ich lebe unter den Menschen, um die christliche Botschaft zu verkünden und sie so zu übersetzen, dass man erkennt, dass es nicht nur eine Erinnerung von vor 2000 Jahren ist. Für mich ist das Evangelium hochaktuell. Damit haben wir eine Berechtigung für diesen Gottesdienst.

Wie wichtig ist Ihnen denn der Fußball?

Meine eigene Existenz wird dadurch weder erschüttert, noch in Frage gestellt. Ich kann auch heute noch trefflich darüber diskutieren, ob das Wembley-Tor eins war oder nicht – es ist wahrscheinlich keins gewesen. Aber es ändert nichts mehr. Ich kann etwas für die Zukunft für meinen Verein erhoffen. Im Gegensatz zur Religion werde ich aus der Art und Weise, wie Fußball vor 50 Jahren gespielt wurde, nichts mehr für mich für heute rausziehen. Deshalb berührt der Fußball mein Leben weniger als Religion.

Aber er spielt schon eine Rolle oder?

Ich bezeichne mich selbst als leidenschaftlichen Fußballfan. Trotzdem: Die Grundfragen meines Menschseins, die vorgeben, was für mich und mein Leben an erster Stelle steht, die werden Hertha BSC und der Fußball nicht beantworten.