Jedes Jahr treten in Deutschland etwa 390.000 Menschen aus der Kirche aus. Doch manchmal finden Menschen nach ein paar Jahren auch wieder zur Kirche zurück. Zwei Geschichten über den langen Weg zurück.

von Eike Hagen Hoppmann

Im Jahr 2015 sind etwa 22.000 Christen wieder in die Kirche eingetreten.

Der Papst ist das Oberhaupt der katholischen Kirche. 1,2 Milliarden Menschen auf der Welt gibt er Halt in ihrem Glauben, sie verfolgen jedes Wort und feiern ihn bei den Messen auf dem Petersplatz. Für Nina Achminow, 54, war der Papst der Grund, aus der katholischen Kirche auszutreten. Als Johannes Paul II. Ende der 90er-Jahre die Priesterweihe für Frauen verweigert, verlässt sie die Kirche.

Nina Achminow, Katholikin

Nina Achminow stammt aus einem intellektuellen Haushalt, beide Eltern arbeiteten als Journalisten. Ihre kritische Haltung färbte auf die Tochter ab. Achminow diskutierte mit den Eltern auf Augenhöhe, ungewöhnlich in dieser Zeit. Im Alter von 33 Jahren tritt sie aus der Kirche aus. „Da war ich dann richtig erleichtert“, sagt sie. Danach betet sie nicht mehr das Vater Unser, sondern geht meditieren. Nur in der Osternacht vermisst sie die Kirche, ansonsten entfernt sie sich immer mehr. Nachrichten aus der Kirche sind nur noch ein Hintergrundrauschen in ihrem Leben.

Nina Achminow, Katholikin

Angesprochen fühlen müssen sich immer weniger Menschen in Deutschland. Jeder dritte Deutsche bezeichnet sich mittlerweile selbst als konfessionslos. In den vergangenen fünfzehn Jahren haben die beiden großen Kirchen sieben Millionen Mitglieder verloren. In den letzten fünf Jahren ist ein deutlicher Anstieg der Kirchenaustritte zu verzeichnen.

Entwicklung der Kirchenaustritte in der evangelischen und katholischen Kirche:

Kirchensteuern und Positionen der Kirche führen zu Austritten

Nur selten suchen Personen mit Austrittswunsch vorher den Kontakt zu ihrem Pfarrer vor Ort. Die Beweggründe des Einzelnen bleiben deshalb oft unbekannt. Umfragen zeigen aber, dass sich viele Gläubige neben der Kirchensteuer an inhaltlichen Positionen der Kirche stören. Die Ablehnung von Homosexualität in der katholischen Kirche etwa führt häufig zu unüberbrückbaren Differenzen, die selbst die Geistlichen nicht schließen können. Der Berliner Pfarrer Georg Maria Roers macht auch jüngste Skandale für den Mitgliederschwund verantwortlich.

Georg Maria Roers, katholischer Pfarrer in Berlin

Ilse Wichmann, 65, ist sich nicht mehr sicher, was genau das Fass bei ihr hat überlaufen lassen. Die pensionierte Kita-Leiterin trat schon Anfang der 80er-Jahre aus der evangelischen Kirche aus. Das Gemeindeleben fehlte ihr nicht. Sie hat keine Kinder zu Hause, dafür Hunderte bei der Arbeit. In ihrem Job ist sie ständig unter Menschen. „In meinem Beruf habe ich so viel Gemeinschaftlichkeit erlebt. Das habe ich nicht vermisst.“ Und überhaupt: Für sie bedeutete der Austritt aus der Institution keine Abkehr vom Glauben und erst recht nicht von christlichen Werten. „Meine geistige Haltung hat sich nie geändert. Ich habe mein Wertekostüm ja nicht abgegeben.“ Doch immer stärker breitete sich bei ihr der Wille aus, diese Werte wieder offener zur Schau zu stellen.

Ilse Wichmann, Protestantin

Christliche Werte wieder öffentlich zeigen

Im Spätsommer 2014 schneidet ein Henker des sogenannten Islamischen Staates dem US-amerikanischen Journalisten James Foley die Kehle durch. Das Video der Hinrichtung geht um die Welt. Zu Hause in Berlin sitzt Ilse Wichmann vor dem Fernseher und ist fassungslos. „Das hat mich so angeekelt. Die Bilder schrien mich förmlich an, mich wieder für Toleranz einzusetzen.“ Sie möchte ihre Werte wieder offensiver leben. „Mein Gedanke war: Du musst jetzt Flagge zeigen.“ Ihr Entschluss steht jetzt fest: Ich gehe wieder zurück in die Kirche. Ende 2015 tritt sie wieder in die Gemeinde ein.

Damit ist sie eine von deutschlandweit 16.000 Menschen, die in jenem Jahr in die evangelische Kirche zurückgekehrt sind.

Nina Achminow wendet sich erst wieder der Kirche zu, als sie 2002 mit ihrer Tochter schwanger ist. Für sie steht fest, dass die Tochter im christlichen Glauben aufwachsen soll. „Da hatte ich dann ein Problem.“ Denn Johannes Paul II war immer noch Papst und machte keine Anstalten, seine Positionen zur weiblichen Priesterweihe zu ändern. Auch Achminow wollte ihre Kritik nicht einstellen. Sie bleibt der Kirche fern, aber lässt ihre Tochter trotzdem taufen.

Die Zweifel beginnen

Doch die Zweifel an ihrem Austritt nehmen zu und Achminow beginnt ihre Entscheidung zu hinterfragen. Als die Tochter vor der Erstkommunion steht, gehen sie ein paar Mal gemeinsam zum Gottesdienst. „Ich kam mir dabei zunehmend einfach blöd vor“, sagt Achminow. „Ich hatte das Gefühl, das ist unaufrichtig.“ Sie spricht mit dem Pfarrer und findet heraus: Man muss nicht in allen Fragestellungen einer Meinung sein. Nach vierzehn konfessionslosen Jahren wird sie im November 2013 wieder in die katholische Gemeinschaft aufgenommen.

Nina Achminow, Katholikin

Nina Achminow spricht nicht nur über ihre Rückkehr, sie schreibt auch ein Buch über ihre Motivation. „Gott – glaube ich: Mein Weg raus aus der Kirche und wieder zurück“ heißt es. Darin beschreibt sie, wie die Auseinandersetzung mit dem Glauben sie weiter gestärkt hat. Heute besucht sie zwei bis drei Mal im Monat den Gottesdienst.

Pfarrer Georg Maria Roers hat kein Problem, wenn sich Leute wie Achminov oder Wichmann intensiv mit ihrem Glauben auseinandersetzen und sich deshalb zwischenzeitlich von der Kirche entfernen. “Sich auf den Glauben einlassen ist ein langer Prozess in dem man sich nähert und auch wieder Abstand nimmt. Das gehört zum Leben dazu.” Achminow und Wichmann haben den Weg zurück gefunden.