Unter Feinden

Von Konstantin Schönfelder und Oscar Felipe Agudelo

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Wollen FARC-Guerilleros nicht mehr kämpfen, müssen sie fliehen. Möglichst weit weg – denn in den Augen ihrer ehemaligen Kameraden sind sie Verräter. Darauf steht meist die Todesstrafe. Was aber, wenn ihre Familie im Einflussgebiet der FARC lebt? Und sie zu ihr zurückkehren wollen? Maria Jazmin Sanchéz kämpfte in den Reihen der FARC und floh. Nun hat die Verräterin in Florencia, der Provinzhauptstadt von Caquetá, im Zentrum des FARC-Gebiets, ihr altes Zuhause wiedergefunden. Weil sie etwas über die FARC gelernt hat.

FARC
Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia
(Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens)

Die Epoche der “Violencia” setzte 1948 landesweit ein, als der liberale Präsidentschaftskandidat Gaitán ermordet wurde. In diesen bürgerkriegsähnlichen Zuständen putschte sich General Rojas Pinilla an die Macht. Es konnte sich keine Opposition formieren, viele notwendige Reformen blieben aus. So wurden die Eigentumsverhältnisse bei der Landverteilung nie endgültig geregelt. Die Reform, die brachliegendes Land an Kleinbauern verteilen sollte, wurde nie realisiert. Aus der Unzufriedenheit in der Bevölkerung bildeten sich Guerillaorganisationen. Die FARC gründete sich 1964. Sie begann mit “agrar-kommunistischen” Bewegungen der “Campesinos” (kolumbianischen Bauern). Die Bewegung radikalisierte sich in den 1980er Jahren. Sie begann, sich mit Drogenhandel und Kidnapping zu finanzieren. Zu ihrer Hochphase hatte sie 18,000 Mitglieder, momentan sind es etwa 8,000.

Weite Teile des südlichen Kolumbiens bedeckt der Amazonas-Regenwald mit seinem dichten, grünen Mantel.

Alles wächst, klingt, gedeiht. In diese schwüle Schönheit haben sich vor einem halben Jahrhundert Guerilla-Truppen zurückgezogen: weg vom Staat, in das Labyrinth des Dschungels, den keiner kontrollieren kann, vor allem nicht der Staat selbst. Dort plante die FARC die politische Revolution. Das tut sie noch immer, oder zumindest noch solange bis der Friedensvertrag ratifiziert wird. Sie ist die größte und älteste Guerillagruppe der Welt.

In dem bewaffneten Konflikt heute geht es nicht mehr um politische Überzeugungen. Es geht um militärische Interessen. An wenigen Orten ist das so gut gut erfahrbar wie in dem unbeherrschbaren Dickicht Caquetás. Der Klang des Dschungels wird von dem dumpfen Rattern der Maschinengewehre verzerrt. Es sind Trainingsplätze der kolumbianischen Streitkräfte. Oder Gefechte. Je nachdem, wo man sich wann befindet.

Maria Jazmin Sánchez lebt in Florencia, Caquetás Hauptstadt. 150,000 Einwohner, betonierte Straßen, Motorräder.

Sie ist wieder zurück bei ihren Kindern. Kinder sind für die FARC ein gravierendes Problem.

Die Guerillagruppe betrachtet Schwangerschaften als potentielle Gefahr. Einmal, weil die Gruppe mobil und im Verborgenen arbeitet. Aber auch, weil mehr als die Hälfte aller Ex-Kämpferinnen als Fluchtgrund angaben, dass sie Kinder wollen oder zu ihren Kindern zurückkehren wollen. So wie Sánchez. Das weiß natürlich auch die FARC. Deshalb werden die 40 Prozent weibliche Kämpfer mit Zwangsverhütung oder Zwangsabtreibung kontrolliert.

Seit Beginn der Reintegrationsprogramme der kolumbianischen Regierung im Jahr 2002 haben sich knapp 60,000 Guerilleros demobilisiert – also die Waffen abgelegt und eingetauscht gegen ein normales Leben. 18,600 Menschen davon stammen aus den Reihen der FARC.

Ex-Guerilleros, so wie Sánchez, leben in der ständigen Gefahr, von der FARC erwischt zu werden. Es gibt keinen legalen Weg aus der Guerillagruppe und nur einen legalen zurück in die Gesellschaft: die Flucht. In San Vicente, unweit von Florencia, wurden kürzlich mehrere bekannte, lokale Dissidenten von der FARC umgebracht. Ex-Guerilleros, die nicht auf der Linie der FARC-Führung waren. Oder gegen den Friedensprozess.

Einerseits will die Führung den Frieden, also auch die Demobilisierung. Andererseits eliminiert sie die Kämpfer ihrer Gruppe, die freiwillig demobilisieren. Entweder gibt es Frieden, die Reintegration, das Ende des bewaffneten Konflikts – und alle demobilisieren gemeinsam. Oder niemand.

Auch wenn Sánchez nicht ängstlich ist: sie verhält sich vorsichtig. Nur ihre Familie und ihr Ehemann wissen um ihre Vergangenheit. Ihr Schritt ins Licht der Öffentlichkeit ist gewagt. Aber sie sucht nach Ruhe, endlich Ruhe vor diesem Konflikt, der sich in ihre eigene Biografie so tief eingrub wie ins kollektive kolumbianische Bewusstsein.