ÜberLeben

Von Dora Montero und Jessica Gehring

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Kilometer um Kilometer fließt der Fluss Arauca zwischen Kolumbien und Venezuela. An manchen Stellen ist er tiefbraun vom aufgewirbelten Schlamm. Der Fluss bildet die natürliche Grenze zwischen beiden Ländern. Für die Menschen am Fluss ist er Nahrungsquelle und Transportmittel – aber auch Brutstätte für illegale Aktivitäten und Konflikte.

Tausende passieren Tag für Tag den 2.219 Kilometer langen Wasserweg. Aber das Leben an der grünen Grenze ist schwierig. Die Bauern der Provinz Arauca werden durch Rebellengruppen wie die Ejército de Liberación Nacional (ELN) drangsaliert, mit denen der Staat noch kein Friedensabkommen erreicht hat. Und auch der Fluss ist bisweilen ein schwieriger Nachbar.

 

Eine gefüllte Plastikflasche am Straßenrand von Araucas Flussstraße - mehr braucht es nicht um zu symbolisieren: hier gibt es billigen Kraftstoff zu kaufen.
Héctor Torres ist einer von vielen in Arauca. Er verkauft über die venezulanische Grenze geschmuggeltes Benzin. Er verkauft eine pimpina, einen Behälter mit ca. zwei bis drei Litern für 2.000 Pesos (etwa 0,60 Euros).
Die Brücke „Puente“ in Arauca ist einer von vier Fußwegen an der Grenze. Sie verbindet Kolumbien mit Venezuela. Täglich überqueren hier hunderte von Menschen den Fluss - es gibt keine offiziellen Zahlen wie viele es genau sind.
Wegen einer akuten Versorgungskrise sind in Venezuela viele Produkte Mangelware oder nur teuer zu kaufen. Diese Menschen kommen daher meist zu Fuß nach Kolumbien, um hier billiger Lebensmittel einkaufen zu können.
Der Grenzübergang ist erst seit Juli 2016 wieder offen. Der venezolanische Präsident Nicolás Maduro hatte im August vergangenen Jahres die Grenzübergänge nach Kolumbien gesperrt, um Warenschmuggel und das Eindringen von kolumbianischen Paramilitärs zu stoppen.
Mit einem einfachen Personalausweis kann das Land gewechselt werden. Kontrolliert wird nur sporadisch.
Ein Wendepunkt der Wanderrichtung: Wegen des Ölbooms in Venezuela gab es dort noch vor 15 Jahren um die 5,5 bis 6 Millionen kolumbianische Einwanderer. Heute kommen kommen die Venezuelaner nach Kolumbien - teils nur zum Einkaufen, teils für einen Neubeginn.
Ab fünf Uhr morgens setzen die ersten Boote am Rio Arauca über nach Apure, Venezuela. Die Boote fahren jeden Tag, man kann sich auf Abfahrten im Minutentakt verlassen.
Je nachdem was man über die Grenze transportieren muss, ist die Überfahrt mit einem Boot einfacher – sie kostet etwa 2000 Pesos, rund 0,60 Euro.
Das Geldverdienen mit den Bootsfahrten ist nicht wirklich legal. Aber für viele ist es die einzige Möglichkeit überhaupt zu arbeiten. Die Arbeitslosigkeit in Arauca ist die höchste in Kolumbien mit über zehn Prozent - in diese Zahl sind aber auch Teilzeitbeschäftigte mit eingerechnet.

Reisanbau ist in Arauca die Haupteinnahmequelle für etwa 65 Prozent der Bevölkerung.

Telésforo Pico bestellt 16 Hektar Land mit dem Anbau von Reis. Die Einkünfte daraus reichen ihm eigentlich nicht zum Überleben, er macht seit Jahren Verluste.

Nur durch den Verkauf von Benzin und Chips an einem kleinen Kiosk hält sich Telésforo Pico über Wasser.

Blut gegen Öl: Die Caño Limón-Station

Etwas außerhalb der Stadt Arauca liegt das zweitgrößte Ölfeld Kolumbiens. Seit das Vorkommen 1983 entdeckt wurde, konnte sich Kolumbien vom Import- zum großen Export-Land für Öl entwickeln. Mehr als 1,3 Milliarden Barrel Öl sind hier bereits geflossen. Die Caño Limón-Station liegt zwischen Arauca und Arauquita und verkörpert einen Wendepunkt in der Geschichte der Region – für die Bevölkerung, die Wirtschaft und die allgemeine Sicherheitslage.

Die Landwirtschaft ging stark zurück: Die Menschen aus der Umgebung arbeiteten lieber in der besser bezahlten Rohöl-Produktion, als Felder zu bewirtschaften. Doch mittlerweile wurden etwa 80 Prozent der einheimischen Arbeiter durch billigere Arbeitskräfte aus dem Ausland ersetzt. Viele kehrten zurück auf ihre Felder, obwohl sie von den Erträgen kaum leben können. Währenddessen wird in der Caño Limón-Station weiter unermüdlich Öl gewonnen. Der ökologischen Schäden zum Trotz: Das Grundwasser ist in  der Region stark verschmutzt und nicht trinkbar.

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Die Ölförderung weckte auch das Interesse der Guerilla-Kämpfer. Rebellengruppen, wie die ELN sprengen Abschnitte der Pipeline nach wie vor regelmäßig in die Luft. Sie kritisieren, dass die Regierung mit ihrer Energiepolitik nicht in die Region, sondern ausschließlich in ihre eigene Interessen investiert. Sie fordern ein Ende der Ausbeutung und der Miteinbindung der Bevölkerung in das Geschäft. Die kolumbianische Regierung hat das Gebiet rund um die Öl-Station als Antwort auf die Anschläge militarisiert und mit hohen Zäunen abgeschirmt. Die Mitarbeiter von Occidental Petroleum, dem Produzenten vor Ort, sind dennoch nach wie vor Opfer von Erpressungen und Entführungen durch die Guerilla-Kämpfer.

Die Auseinandersetzungen seit 2016 haben in der Region mehrere tausend Menschen das Leben gekostet. Wenngleich die FARC noch immer zwei Stützpunkte in der Nähe hat, ist aufgrund des Friedensabkommen etwas Ruhe eingekehrt. Aber die Rebellengruppe ELN hat im Vergleich zu anderen Regionen Kolumbiens noch immer ihre stärkste militärische und wirtschaftliche Struktur in Arauca. Die Zahl der Gelderpressungen und Entführungen ist hier sehr hoch. Weil es kein Abkommen mit der Regierung gibt, lassen die Kämpfer ihr eigenes Recht walten. Im Jahr 2016 wurden bis Oktober allein mehr als 30 Anschläge von Paramilitärs auf die Pipeline verübt.

Rio Arauca, Arauca

Rebellen zwingen Fischer zur Unterstützung

Die Probleme für die Fischer am Rio Arauca werden jedes Jahr größer: Die Regenzeit, das Verschwinden von Fischfang-Biotopen und immer wiederkehrenden Überschwemmungen. Währenddessen müssen sie außerdem versuchen, nicht verhaftet zu werden – von kolumbianischen oder venezolanischen Behörden. Denn die Fischer werden seitens Venezuelas beschuldigt, auf ihrer Grenzseite zu fischen und damit Schmuggler zu sein. Auf der kolumbianischen Seite werden sie beschuldigt die ELN zu unterstützen – und damit deren kriminelle Machenschaften zu finanzieren. Im vergangen Jahr mussten die Fischer aus dem Dorf Reinera ihre Beute jede zweite Woche an die Kämpfer der ELN abgeben, ohne in irgendeiner Form dafür bezahlt zu werden. Für sie selbst blieb in diesen Wochen nichts zu essen übrig. Bisher kamen die Rebellen der ELN noch nicht wieder – das macht den Menschen vor Ort ein wenig Hoffnung.

Im Dorf Reinera, einer kleinen Insel, die an den Rio Arauca und den Nebenarm Caño Gaviota angrenzt, bleiben in der Gemeinsschaftschule "Jose Acevedo y Gomez" oft viele Stühle leer. Das liegt aber nicht an den rund 200 Schülern – sondern an der Beschaffenheit ihres Schulwegs.
Viele Kinder aus den umliegenden Dörfern müssen mit dem Boot zur einzigen naheliegenden Schule in Reinera gebracht werden. Der Fluss ist aber nur befahrbar, wenn er bei der teils heftigen Regenzeit im Winter nicht überflutet wird und das Dorf überschwemmt.
Der Unterricht beginnt zwischen sechs und sieben Uhr morgens, wenn die Temperaturen noch nicht über 30 Grad liegen. Spätestens um 13 Uhr ist die Schule aus, länger kann man es in den Räumlichkeiten ohne Ventilator oder Klimaanlage nicht aushalten. Dann beginnt für viele Kinder oft ein langer Heimweg.
Das umgekehrte Fluss-Problem gibt es im Sommer: Oft ist der Fluss zu trocken und der Wasserstand so niedrig ist, dass es nicht möglich ist, sich darauf mit den Booten zu bewegen. Um trotzdem für die Sicherheit der Kinder zu sorgen, fahren mehrere Lotsen teils stundenlang auf den Hin- und Rückwegen mit.

Das nächste Problem

In Arauca arbeiten rund 60 Prozent der Bevölkerung in der Landwirtschaft. Und hier liegen auch ihre meisten Probleme: Die Anbaumethoden sind veraltet, es mangelt an funktionsfähigen Maschinen, die Wege in die Städte sind nicht ausgebaut und erschweren es, die Waren überhaupt verkaufen zu können. Außerdem gibt es keinerlei Preisgarantien für die Bauern: Zwischenhändler kaufen die Ware meist weit unter den tatsächlichen Produktionskosten ein und verkaufen es dann teuer an Supermärkte. Lidia Teresa Afanador arbeitet in Arauquita und ist Präsidentin der Vereinigung für Landwirte in Arauca.

 

Die Situation am Hafen für die Händler ist schwierig - man profitiert zwar von einkaufenden Venezulanern, doch oft vergehen auch Stunden, ohne einen einzigen Verkauf. Gleichzeitig ist die Zahl der Diebstähle gestiegen.
Das Geschäft mit den Armen lohnt sich - geregelte Tarife für den Wechsel von Geld gibt es nicht.
Ein leeres Lagerhaus am Hafen, viele Geschäfte schließen: Zwar kaufen die Venezulaner hier Lebensmittel ein, aber die eigenen Landsleute bleiben der Gegend eher fern.
Die Bewohner Arauquitas werfen der Polizei vor, sie im Stich zu lassen. Sie seien stille Zuschauer, während direkt vor ihren Augen Verbrechen begangen werden - viele Händler fühlen sich nicht unterstützt und verlassen daher das Gebiet. Eine Verkäuferin erzählt: "Vor einigen Tagen gab es einen Überfall direkt neben meinem Geschäft und die Polizei erschien nicht."
María Deysi Vanegas Muñoz hat ein kleines Restaurant. Sie sagt: "Mir fehlt es an Gästen. Wenn niemand kommt, um mein Essen zu kaufen, muss ich schließen. Aber ich muss meine Tochter und meine Mutter mit versorgen." Und sie wirft der Polizei in Arauquita vor, nur untätige Zuschauer zu sein: "Vor einigen Tagen gab es einen Überfall direkt neben meinem Geschäft und die Polizei erschien einfach nicht." Es sei kein Wunder, dass die Kolumbianer der Gegend am Fluss lieber fernbleiben.

Auch die Situation der "Canoeros", die tagtäglich Menschen zwischen den Ländern transportieren ist schwierig. Mehr als zehn Tage im Monat kann keiner arbeiten - es gibt zu viele, die diese Arbeit machen wollen.

Legal ist der Transport zwischen Arauquita und La Victoria in Venezuela eigentlich nicht, berichtet der Sprecher der Canoeros, Edgar Coronado. Es gäbe aber eine Art stille Übereinkunft beider Länder.

Keiner weiß, wer ankommt - und wer geht. Eine Migration findet nicht statt. Wer hier ankommt, will meistens Reis, Zucker oder Mehl kaufen. Oder schwarz im Hafen arbeiten.

Insgesamt sei es ruhiger in Arauquita geworden - viele Menschen bevorzugen immer noch die geheimen Wege, um den Fluss zu überqueren.

Leben in Arauca: Hart an der Grenze

Die Grenze im Nordosten Kolumbiens ist eine Brutstätte des Aufruhrs und der Kriminalität. Auch in den Jahren nach einem Friedensabkommen mit der FARC wird es dauern, bis in der Region Arauca eine gewisse Stabilität zustande kommt. Zu viele Brandherde belasten die Bevölkerung: Erpressung durch die Rebellengruppen, ein unberechenbarer Fluss und der fehlende Sozialstaat machen das Leben hier schwer. Bei der Abstimmung zum Friedensabkommen am 02. Oktober 2016 zeigte sich dann eine tiefe Spaltung der Region entlang des Araucas: während in der Stadt mit Nein gestimmt wurde, sprachen sich die Menschen im ländlichen Arauquita, am anderen Ende der Region, mit 76% klar für das Abkommen aus.

Das Votum steht stellvertretend für eine Zeit des Übergangs für die Menschen von Arauca und der allgegenwärtigen Unsicherheit einer ungewissen Zukunft. Der Bürgerrechtsaktivist Álvaro Hernandez engagiert sich seit Jahren für die Araucaner – seiner Meinung nach muss die Regierung sich endlich der Problemprovinz stellen. Denn Frieden kann nur funktionieren, wenn er für alle gilt.

Die langjährige Auseinandersetzung entlang der grünen Grenze Araucas hat seit Beginn mindestens 1.300 Todesopfer gefordert. Im Zuge der heftigen Auseinandersetzungen zwischen FARC und ELN wurden zwischen 2006 und 2010 allein rund 5000 Menschen vertrieben. Viele von ihnen sind jetzt auf der anderen Seite des Flusses in Venezuela.

Dennoch – die Bevölkerung am Fluss mit all denen, die gelernt haben zu überleben, ist die Mehrheit. Und so fließt der Rio Arauca unermüdlich und unbeeindruckt der Probleme seiner Anwohner auf mehr als 1.000 Kilometern aus seinem Ursprung in den Anden aus über 4.000 Metern Höhe. Unermüdlich behalten auch die Araucaner an der Grenze ihre Hoffnung: dass sie wahrgenommen werden und die Regierung wieder in sie investiert. Nicht in den Konflikt.