Nancys Schritt nach vorne

Die Geschichte einer Überlebenden Von Vera Leuner und Karina Judex

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Landminen sind eine der tückischsten Kriegswaffen. Knapp unter der Erde liegen sie, versteckt im Wald oder auf freiem Feld. Mit bloßem Auge ist der Zünder kaum zu erkennen. Wer auf ihn tritt, löst eine Explosion aus, die leicht einen Menschen verstümmeln oder sogar töten kann. Kolumbien ist das Land mit der zweithöchsten Zahl an Minenopfern weltweit. In den vergangenen 25 Jahren töteten und verletzten Landminen rund 11.500 Menschen. Niemand weiß, wie viele Minen in den umkämpften Regionen Kolumbiens bis heute noch liegen. Die Gefahr lauert besonders in abgelegenen, ländlichen Gegenden. Dort wurde auch Nancy Ceballos vor elf Jahren Opfer einer Landmine.

Rund 40 Prozent der Opfer sind Zivilisten. Sie stolpern als eigentlich Unbeteiligte in die Gefahr, sterben oder bleiben verstümmelt oder verletzt zurück. Die sogenannten Antipersonenminen, wie sie zum Großteil in Kolumbien eingesetzt werden, werden von illegalen Gruppen gelegt. Besonders die größte Guerillagruppe Kolumbiens, die FARC, benutzt sie als Teil ihrer Strategie. Indem sie Landminen verstecken, wollen sie verhindern, dass Polizei und Militär in ihre Gebiete vordringen können. Die Minen sind eine doppelt günstige Waffe. Zum einen können gleich mehrere Gegner auf einmal getroffen werden. Andererseits sind Minen billiger als konventionelle Gewehre und Munition. Das ist ein rationales Kalkül, dass das Töten von Zivilisten in Kauf nimmt.

Die Region Antioquia ist besonders stark vermint. Hier im Nordwesten des Landes, außerhalb der Millionenstadt Medellín, wird Koka angebaut. Die Kokaplantagen sind zum Teil in der Hand von Guerillagruppen, die sich vor allem durch den Verkauf des fertigen Kokains finanzieren. Um ihre Einnahmequelle zu schützen, wurden hier deutlich mehr Minen gelegt, als im Rest des Landes. Hier verlor Nancy ihr Bein.

Unter der Präsidentschaft von Álvaro Uribe Vélez begann zwischen 2002 und 2010 ein erbitterter Kampf gegen die linken Guerillagruppen, insbesondere gegen die FARC. Uribe schickte das Militär in großer Stärke in die FARC-Gebiete. Die wiederum verlegten, um sich vor dem Militär zu schützen, mehr Minen als je zuvor. So viele, dass zum Höhepunkt des bewaffneten Konflikts im Jahr 2006 über 1200 Menschen zu Opfern der  Minen wurden.

Die vielen Opfer machen aus den Landminen auch einen Schlüsselpunkt  innerhalb des Friedensprozesses zwischen der FARC und der Regierung. In dem erst unterzeichneten Friedensvertrag verpflichtet sich die Gruppe, bei der Bergung der Minen zu helfen. Und gerade hier, in Antioquia, wo es die meisten Toten gab, fing die kolumbianische Regierung vor fünf Jahren an, Minen zu bergen. Menschen wie Nancy Ceballos, die schon Opfer von Landminen geworden sind, hilft das nicht mehr. Mit ihrem Schicksalsschlag geht die heute 31-Jährige gelassen um. Sie arbeitet als Schneiderin in dem kleinen Ort San Luis. Außerdem ist sie Mutter von drei Kindern, ihr Viertes ist auf dem Weg. Sie ist eine starke Frau, die andere Opfer ermutigt, ihr Leben wieder in die eigene Hand zu nehmen. Vor allem weibliche Minenopfer fordert sie auf, nicht auf ihre Schönheit und ihr Recht auf ein glückliches Leben zu verzichten.