Kampf gegen Koka

Mit dem Friedensprozess sollen illegale Koka-Kulturen durch Kaffee oder Kakao ersetzt werden. Was für die Regierung ein wirtschaftliches Vorzeigeprojekt werden soll, bedeutet für viele Bauern ein Dilemma: finanzielle Sicherheit oder Legalität? Von Julia Gurol und Margaret Sánchez

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Wer sich auf die Reise nach Palmichal begibt, muss Zeit mitbringen. Zeit und einen starken Magen. Rund sechs Stunden holpert der Minibus von der nächstgrößeren Kommune Briceño durch die Anden bis in das Dorf. Der Bus ist voll: Zwei Kälbchen, ein paar Hühner, acht Menschen auf fünf Sitzplätzen, vier weitere auf dem Dach. Der Blick aus dem Fenster zeigt schnell, dass hier der Koka-Anbau floriert. In 98 Prozent der umliegenden Dörfer wird Koka angebaut. Endlose Steilhänge, auf denen sich die kleinen, unscheinbaren Sträucher im Wind bewegen. Eine trügerische Idylle. Denn im aktuellen Friedensprozess beginnt jetzt der Kampf gegen das Koka. Seit Juli 2016 läuft in Palmichal ein Pilot-Projekt, an dem Regierung, FARC-Guerilla, die Vereinten Nationen und die lokalen Koka-Bauern beteiligt sind. Bald soll der Bus entlang von Kakao- und Kaffeesträuchern fahren.

Jhon García ist so etwas wie der Dorfvorsteher von Palmichal und baut selber Koka an. Seitdem das Projekt im Sommer beschlossen wurde, trifft er sich mehrmals wöchentlich mit Vertretern der Regierung und der FARC-Guerilla. Während dieser sogenannten “mesas temáticas”, Runde Tische zu unterschiedlichen Themen, diskutieren sie darüber, wie nach und nach alle Koka-Kulturen durch legale Anbauten ersetzt werden können. Denn der Versuch, Koka durch legale Kulturen zu ersetzen ist an sich nichts Neues. In der Vergangenheit gab es bereits zahlreiche solcher Projekte – die meisten scheiterten. Neu ist dieses Mal, dass sich die FARC, die bis zu 70 Prozent des gesamten Koka-Anbaus in Kolumbien kontrolliert, aktiv den dem Projekt beteiligen.

Alle Familien, die derzeit von der Koka-Industrie leben, sollen von der Regierung unterstützt werden, damit sie andere Feldfrüchte anbauen. Jhon vertritt dabei nicht nur seine eigenen Interessen als Koka-Bauer, sondern auch die des Dorfes. Er fordert vor allem eines: gleichwertige Alternativen zu Koka, von denen die Bauern leben können.

Mit dem Projekt testen FARC und Regierung, was später auf ganz Kolumbien ausgeweitet werden soll. Ein Experiment mit unbekanntem Ausgang, das für die betroffenen Bauern jedoch ein Dilemma darstellt. Denn jeder Neunte lebt direkt oder indirekt vom Anbau und Verkauf vom Koka. Es ist oft ihre einzige Einnahmequelle. Auch für Jhon. Alle zwei Monate pflückt er Koka und stellt mithilfe von Kerosin, Kalk, Natriumkarbonat und anderen Chemikalien die berühmte Koka-Paste her, die sich später zu Kokain verarbeiten und für gutes Geld verkaufen lässt. Aus einem Zentner Koka lässt sich dabei rund ein Kilogramm Paste gewinnen – alle zwei Monate.

Kaffee- und Kakao-Kulturen sind zwar legal, benötigen jedoch etwa ein Jahr bis sie zum ersten Mal Gewinn abwerfen. Keine gute Alternative, finden viele der Bauern.

Insgesamt werden noch 96.084 Hektar Koka in Kolumbien angebaut, davon 2.402 Hektar in Antioquia. Laut UNODC ist Kolumbien der weltweit größte Koka-Produzent.

Mehr als 2000 Familien in dieser Region sind auf Koka als einzige Einnahmequelle angewiesen. Nur etwa zehn Prozent der Bauern ist finanziell nicht auf den Koka-Anbau angewiesen.

Alle zwei Monate wird der Koka gepflückt und Koka-Paste hergestellt. Pro Pfund verdienen die Bauern etwa 350 Euro.

Palmichal und Umgebung haben eine lange Geschichte des sozialen, politischen und bewaffneten Konfliktes und lagen lange im Epizentrum der kriegerischen Auseinandersetzungen. Fast alle Akteure sind dort präsent, während der Staat die Region lange vernachlässigte. Zu lang die Fahrt dorthin, zu abgelegen die Gebiete. Dadurch hatte die FARC leichtes Spiel, die Autorität in der Region zu erlangen. Bis heute kontrollieren die Guerilleros die Region und den dortigen Koka-Anbau. Laut dem Chefankläger Kolumbiens haben die Guerilleros seit 1995 durch den Handel mit Koka und Kokain und durch das Besteuern der Koka-Bauern rund 66 Millionen US-Dollar eingenommen.

Doch das Problem liegt tiefer: Nicht nur die FARC profitierten vom Koka-Anbau. Auch verschiedene bewaffnete Gruppen, die von der kolumbianischen Regierung verharmlosend als „kriminelle Banden“ bezeichnet werden, beteiligen sich an dem illegalen Geschäft. Sie haben gewissermaßen nur darauf gewartet, dass sich die FARC aus dem Koka-Geschäft zurückziehen, um selber die Kontrolle über Kolumbiens illegale Drogen zu erlangen.

Eine dieser Gruppen in Palmichal und Umgebung ist das Verbrechersyndikat Los Urabeños. Die Gruppe gilt als mächtigste kriminelle Organisation Kolumbiens und rekrutiert sich vor allem aus ehemaligen Kämpfern der Paramilitärs. Sie verdienen Millionen mit dem Handel von Kokain und bieten den Bauern im Gegenzug weiterhin finanzielle Sicherheit. Da die Urabeños nicht in einen Friedensprozess mit der Regierung eingebunden sind, stellen sie derzeit die größte Bedrohung für die Region dar und arbeiten gegen Regierung und FARC.

Das Pilot-Projekt wird in insgesamt zehn Dörfern angestoßen: Pueblo Nuevo, El Orejón, La Calera, La América, El Pescado, La Mina, Buena Vista, Altos de Chiri und Palmichal

Die meisten der Bauern sind bereit für den Wandel. Unter einer Bedingung: Gleichwertige Alternativen und Unterstützung von Seiten des Staates

Sie fordern vor allem Sicherheit, die Abwesenheit von paramilitärischen Gruppen, bessere Infrastruktur und Bildung

Doch die Skepsis ist groß: Können die Regierungskräfte die abgelegen Orte vor den paramilitärischen Banden schützen?

Und wer garantiert, dass die Regierung ihre Versprechen einhält?

 

Mit seinen 132 Einwohnern ist Palmichal somit im Kleinen ein Spiegel all dessen, was den Friedensprozess in Kolumbien so schwierig macht. Jeden morgen, wenn der Nebel noch zwischen den Bergen hängt und das Dorf langsam aufwacht, beginnt dort von Neuem ein Kampf. Zwischen dem gewünschten Frieden und der Angst vor dem Neuen, Unbekannten. Zwischen dem Wunsch, die FARC solle die Region verlassen, und der Ungewissheit, ob die Regierung das dadurch entstehende Machtvakuum füllen kann und es schafft, Sicherheit in der Region zu garantieren. Und zwischen dem Wunsch, legale Kulturen anzubauen und der Gewissheit, mit Koka doch ein sicheres Einkommen zu haben. Dann kommt Jhon García ins Spiel, redet, erklärt, hört zu.